Machtmissbrauch? Nicht lustig!

Nachtkritik verhöhnt mit einem geschmacklosen Aprilscherz über die vermeintliche Abschaffung der Maskenabteilung am von Machtmissbrauch geplagten Berliner Ensemble die ganze Debatte.

Mit der Meldung „Wegen Machtmissbrauch: BE schafft Maskenabteilung ab“ sorgt das Theatermagazin Nachtkritik nicht nur für Empörung in der Kommentarspalte, sondern zeigt auch deutlich auf welchem Niveau sie Satire verstehen. Dieser Aprilscherz (der sich erst durch die Abänderung der Überschrift als solcher entpuppte) war einer auf Kosten der Betroffenen des Machtmissbrauchs. Mitte März folgte auf Machtmissbrauchsvorwürfe die Freistellung der in der Kritik stehenden Maskenleiterin und kurz darauf der damit verbundene Rücktritt des Geschäftsführers Jan Fischer. Intendant Oliver Reese verweist in der Meldung von Nachtkritik nun auf die strukturellen Probleme von Machtmissbrauch und dass die Entscheidung, die gesamte Maskenabteilung abzusetzen, ein gutes Beispiel sei, um dem strukturellen Problem zu begegnen. Diese Darstellung wirkt, als würden sie unangemessene oder unzureichende Maßnahmen in Folge von Machtmissbrauch satirisch entblößen, vernachlässigt aber die Realität, die Machtmissbrauch für Betroffene bedeutet.

Don’t bring Brecht into this!

Dann der Verweis auf das „organisierte Schminken“, welches problematisch sei und darauf, dass diese Umstellung doch ganz im Sinne des Brecht’schen V-Effekt sei, die die Ernsthaftigkeit der Maske als künstlerischer und unverzichtbarer Teil eines Theaterbetriebs diskreditieren. Auch die Anmerkung, dass es eine Beteiligung von Beratungsstellen für das „Coaching- und Meditationsverfahren“ gegeben hätte, zieht die Relevanz und Professionalität von Anti-Diskriminierungsstellen ins Lächerliche. Effektiv versteckt sich hinter dieser Satire ein Wettern gegen sogenannte „Wokeness“ und „Cancel Culture“ sowie eine Comedy, die nach unten tritt. Das machte früher und macht auch heute keinen Spaß. Es gibt natürlich auch gute Satire, zum Beispiel von Flinta*/Queeren-Kollektiven, die zeigen, wie Humor funktioniert, ohne dabei Diskriminierung zu verstärken.

In den Kommentarspalten des Instagram-Posts von Nachtkritik, sowie der Meldung selbst sammeln sich empörte Comments und vereinzelte Unterstützer*innen der Satire. Die Reaktionen reichen von Unglauben bis hin zu nüchternen „nicht witzig“ Statements, münden aber auch in Enttäuschung und Traurigkeit von Betroffenen von Machtmissbrauch oder Personen mit Erfahrung in der Maske am Theater. Wenn über die angespannte Situation, wie hier am Berliner Ensemble, ein Witz gemacht wird, der klar auch auf Kosten der Betroffenen von Machtmissbrauch und die unzureichend kreditierte Leistung der Maskenbildner*innen geht, verlieren diese die Glaubwürdigkeit und werden verhöhnt. Vielleicht entmutigt es sogar Menschen über ihre Missbrauchserfahrungen zu sprechen. Offensichtlich wurde dieser „Scherz“ aus einer verengten und nicht besonders reflektierten Perspektive heraus evaluiert.

Wie wär’s mit einem positiven Aprilscherz?

Das oft hervorgebrachte Argument, dass diese Meldung Satire sei, verfehlt den Kern der Debatte. In einer solidarischen Gesellschaft hat so ein „Scherz“ keinen Platz. Diese Satire sollte vermutlich größtenteils Oliver Reese gelten, aber sie zeigt durch den Mangel an Gefühl für die weniger Privilegierten in diesem Verhältnis, zeigt diese Satire lediglich die Taktlosigkeit des Verfassers. Nachtkritik wurde mit dieser Von-Oben-Herab-Attitüde selbst Teil des strukturellen Problems der Kulturszene. In einer Zeit von Falschmeldungen, wachsendem Faschismus und Hagel an Nachrichten über Krieg, Missbrauch und Klimakatastrophen wäre ein positiv konnotierter Aprilscherz sicherlich eleganter gewesen. Aber stattdessen wird klar wie tief die Gesellschaft in der Krise steckt, wenn sich solche „Scherze“ in den Nachrichtenfluss verirren.

 

Hintergründe zum Vorfall nach dem Tagesspiegel:

Der Spiegel hat in einer Recherche zu den Machtmissbrauchsvorwürfen mit 16 ehemaligen Mitarbeitenden der Maskenabteilung des Berliner Ensembles gesprochen. Unter den Frauen, die mit dem Spiegel sprachen, waren viele Mütter. Von den Müttern, davon einige auch alleinerziehend, wurde ständige Verfügbarkeit verlangt. Diese Bereitschaft ist nicht ungewöhnlich an Theatern, aber vertraglich oft nicht festgelegt.

Seit 2023 stellten sich die Frauen diesem kontrollierenden und machtmissbrauchenden System entgegen. Dies begann mit einem Brief der Betroffenen an die kritisierte Leiterin der Maske und auch mit Briefen an und Gesprächen mit der Intendanz sowie Geschäftsführung des BE. Die Verbesserungsvorschläge führten aus der Sicht der Frauen nicht zu Besserungen. Neben dem Wunsch nach Auflösungsverträgen der Betroffenen ließen sich auch einige krankschreiben.

 

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