Cinderella, Stripper und Stigmatisierung: Der Oscar-Hit Anora
Ani (M. Madison) tanzt sich im Oscar-Hit Anora (R. Sean Baker) nicht nur in die Geldtaschen ihrer Kunden, sondern auch in die Herzen der Academy und des Publikums.
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Ausgezeichnet mit 5 Oscars und einem Budget von nur 6 Millionen Dollar bewies sich Anora als absoluter Favorit bei der diesjährigen Academy-Verleihung. In den Kategorien Actress in a Leading Role, Directing, Film Editing, Best Picture und Writing wurde Anora zum besten Film auserkoren. Wir wissen also, warum Hollywood Anora liebt. Sollten wir das auch?
Cinderella, Pretty Woman und Anora
Anora verhandelt etwa eine Woche im Leben von Anora „Ani“ Mikheeva, einer Stripperin, die in New York wohnt und arbeitet. Zu Beginn des Films trifft sie auf den jungen Ivan „Vanya“ Zakharov (Mark Eydelshteyn), den Sohn eines russischen Oligarchen, der sie als Escort bucht. Er nimmt sie mit in eine Welt der unendlichen finanziellen Mittel, Privilegien sowie Drogen und Alkohol. Die einzigen Personen, die Vanya zumindest ansatzweise im Griff haben, sind seine Eltern, insbesondere seine Mutter. Ansonsten begegnet das Muttersöhnchen der Welt mit einer grundlegenden Selbstverständlichkeit, dass er tun und lassen kann, was und wann er will, die nur durch das Aufwachsen in einer Familie der oberen 1% erlernt werden kann.
Ani steht dem als ‚Außenseiterin‘ und spontaner Klassenaufsteigerin gegenüber. Skeptisch, aber willig öffnet sie sich den Möglichkeiten, die mit so einem Lifestyle verbunden sind. Die Beziehung zwischen den beiden nimmt bald nicht nur einen rein monetären Charakter an. Denn Ani findet sich wie vor ihr Cinderella oder Vivian Ward (Julia Roberts) in einer Beziehung wieder, in der Sex, Geld, aber auch Zuneigung und vielleicht sogar Liebe einen fundamentalen Stellenwert besitzen. Im Gegensatz zu Cinderella oder der Protagonistin aus Pretty Woman muss sich Ani mit der harten Realität einer solchen Beziehung auseinandersetzen. Die Eltern von Vanya schicken ihre Handlanger, welche der laut ihnen illegitimen Ehe ein Ende setzen und Vanya aus Amerika zurück nach Russland holen sollen. Gegen ihren Willen wird Ani Teil dieses unkonventionellen Teams, welches sich auf die Suche nach Vanya macht, da dieser wortwörtlich vor den Konsequenzen seiner eigenen Handlungen weggelaufen und nun nicht mehr aufzufinden ist.
Ani greift im Film das Bild von sich als Cinderella auf, indem sie sich direkt mit der Märchenfigur in Beziehung setzt. Wie Cinderella hat auch Ani die Hoffnung, aus ihrem tristen Alltag mithilfe von Geld und einer Liebesbeziehung befreit zu werden. Die Stigmatisierung von Sexarbeit sowie Personen, die in diesem Feld arbeiten, steht dem jedoch im Weg. Von Vanyas Mutter wird Anis Job klar als Grund für die Illegitimität der Ehe genannt und bezeichnet sie sogar als eine Schande und einen Witz. Anstelle eines Märchens, in dem die Charaktere ‚happily ever after‘ leben, zeigt Anora die realistischen Konsequenzen einer solchen Beziehung.
Pretty Woman (1990) greift die Idee der Cinderella-Story erstmals in einem Sexarbeit-Kontext auf. Vivian Ward ist eine Sexarbeiterin, welche von Edward Lewis (Richard Gere) für eine Woche als seine „Freundin“ gebucht wird. In dieser Zeit entwickeln beide Gefühle füreinander und trotz Unstimmigkeiten am Ende kommt es zu einem Happy End. Nach dieser kurzen Beschreibung des Plots sind bereits klare Parallelen zu Anora erkennbar. Des Weiteren bezieht sich Pretty Woman ebenfalls direkt auf Cinderella. Ward ist selbstbewusst und selbstbestimmt, und der Film thematisiert die Stigmatisierung bezüglich Sexarbeiter:innen offen. Dennoch enthält der Film so einige Probleme: Sexarbeiter:innen werden als ungebildet dargestellt, die immer aus schlechten Verhältnissen kommen und sich nichts sehnlicher wünschen als von einem ‚knight in shining armour‘ gerettet zu werden. Auch wird vermittelt, dass übergriffiges Verhalten ihnen gegenüber ohne Konsequenzen akzeptiert wird. Lewis behandelt Ward wie seine Puppe in Lebensgröße, die er kleiden und bilden kann. Er ist fasziniert von Wards Unwissenheit über ‚echte Kultur‘ und der fehlenden Sozialisierung als ‚upper class lady.‘
Während Pretty Woman oft als ein Negativ-Beispiel für die Repräsentation von Sexarbeit in Hollywood genannt wird, bietet Anora Potenzial für einen Paradigmenwechsel in der Filmbranche.
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Von Sexarbeiter:innen für Sexarbeiter:innen
Ani hat blaue Flecken auf den Beinen. Sogenannte ‚pole hickeys‘ entstehen durch das Tanzen an Poledance-Stangen. In ihrer Pause isst sie ihr Abendessen aus Tupperware. Dies hat sie sich von zu Hause mitgenommen. Und zu Beginn des Films lehnt ein Kunde ihre Annäherungsversuche ab und Ani muss sich einen neuen Kunden suchen.
Dieses ‚Nein‘ sowie die zwei anderen Beispiele werden von der Sexarbeiter:innen Community als Marker für die Authentizität von Anora sowie die Hingabe von Regisseur Sean Baker genannt. Baker stellte echte Sexarbeiter:innen als Berater:innen an, um den Film so realistisch wie möglich zu gestalten. Die beste Freundin von Ani namens Lulu wird von Luna Sofía Miranda gespielt; einer Sexarbeiterin, Schauspielerin und nun auch Mitproduzentin von Anora. Sie hat Baker und seine Frau Samantha Quan, ebenfalls eine Produzentin des Films, in einem Stripclub kennengelernt und daraufhin eine Audition-Einladung erhalten. Miranda spricht von einer ‚whorephobia‘ bei welcher die Vorurteile und Abneigungen gegenüber Sexarbeiter:innen in Hollywood eine authentische Wiedergabe der Sexarbeit-Realität erschweren. Anstelle von Wertschätzung, fairer finanziellen Kompensierung oder einer Repräsentation frei von Stereotypen besteht die Realität von Schauspielerinnen mit einem Werdegang in der Sexarbeit aus Fetischisierung, Unsichtbarmachung und Ignoranz.
Statt Filme über Sexarbeiter:innen zu entwerfen sollte Hollywood diese aktiv im Produktionsprozess sowie vor der Kamera nutzen, um authentische Geschichten zu erzählen. Dabei ist es essenziell, die Stigmatisierung in der Gemeinschaft selbst, aber auch im Kontext der Filmbranche aufzubrechen. Die sogenannte ‚whorearchy‘ beschreibt die Klassifizierung der Arten von Sexarbeit. Je mehr Kontakt zu den Kund:innen sowie der Exekutive wie etwa Polizei besteht, desto weiter unten befindet man sich in dieser Hierarchie. Somit herrscht auch in der Community selbst eine gewisse Stigmatisierung. Laut Miranda meidet Hollywood besonders jene Sexarbeiter:innen, die im Internet ihr Geld verdienen. Miranda betont, dass Sexarbeiter:innen von Hollywood oftmals nur instrumentalisiert werden, ohne daran interessiert zu sein, deren Lebensrealität abzubilden.
Eine kontroverse Entscheidung, welche mit der Repräsentation von Sexarbeit im Film klar in Verbindung steht, ist Madisons Verzicht auf intimacy coordinators. Die Aufgaben eines/einer Intimitätskoordinator:in bestehen darin, bei Film-, Serien- oder Theaterproduktionen während der Umsetzung von intimen Szenen (emotionale) Unterstützung zu bieten. Der Fokus liegt dabei auf der Sicherstellung von Respekt und dem Wohlbefinden zwischen den Schauspielenden, aber auch im allgemeinen Produktionskontext. Die Person ist eine ‘objektive’ Ansprechperson und achtet darauf, dass potenziell vorherrschende Machtstrukturen nicht zu Missbrauch führen. Insbesondere in Szenen mit viel Körperkontakt oder Nacktheit hilft die/der Koordinator:in und vergewissert sich, dass die Darstellung sowie die Handhabung der Szene für keine der Beteiligten Grenzen überschreiten.
Madison begründet den Verzicht damit, dass sie sich mit Regisseur Baker sowie Co-Star Mark Eydelshteyn sehr wohlgefühlt hat. Auch wollte sie die Crew klein halten und wie Ani selbst die Nacktheit als Teil ihres Jobs annehmen. Dies spricht sowohl für Baker als auch das Arbeitsklima am Setting. Online findet man bislang keine Informationen dazu, wie sich Nebendarsteller:innen entschieden haben und ob eine/ein Koordinator:in bei Szenen, in welchen Madison nicht mitspielte, anwesend war. Besonders in Anora wäre die Chance, eine solche koordinierende Instanz wahrnehmen zu können, wichtig. Anstelle von individuellen Präferenzen sollte das grundlegende Angebot bestehen, welches dann nach Bedarf angenommen werden kann. Wird die Verantwortung, ob eine/ein Koordinator:in vorhanden sein soll, auf einzelne Schauspielende übertragen, so kann es passieren, dass diese sich durch die bestehenden Machtstrukturen dem Konsens der/des Produzent:in fügen. Die Anstellung eines coordinators bedeutet einen zeitlichen und monetären Mehraufwand. Sollte die/der Produzent:in gegen eine solche Anstellung sein, so fällt es Schauspielenden eventuell schwer, sich gegen diese Meinung durchzusetzen, da man nicht als „schwierig“ gelten möchte. In Hollywood gibt es diesbezüglich noch keine klaren Richtlinien, aber besonders in Kombination mit der Hoffnung auf vermehrt authentische Repräsentationen von Sexarbeit ist die Entwicklung hin zu dem Verwenden von intimacy coordinators notwendig.
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And she lived happily ever after?
Die finale Szene des Films zeigt Ani und Igor (Yura Borisov), einen der Handlanger von Vanyas Vater. Im Laufe des Films entwickelt sich eine kuriose Freundschaft zwischen den zwei Figuren. Während die beiden einen sehr holprigen Start hatten, entwickelt sich ihre Dynamik zu einer zaghaften gegenseitigen Zuneigung. Ani hat gerade begonnen, die vergangene Woche ihres Lebens zu verarbeiten. Nach der herablassenden Verhaltensweise von Vanya als auch seinen Eltern stellt Igor einen fundamentalen Gegenpol dar. Er verrichtet kleine, aber bedeutsame Taten, wie etwa das Tragen ihrer Koffer oder das Anbieten eines Schals, und Ani scheint mit diesen Gesten der Zuneigung nur schwer umgehen zu können. Viele zwischenmenschlichen Interaktionen in ihrem Leben werden mit Geld und der Sexualisierung ihres Körpers aufgewogen. Somit ‚bedankt‘ sie sich bei Igor für seine Fürsorge mit Sex. Diese Transaktion wird von Igor jedoch nicht angenommen und Ani bricht in Tränen aus, da sie erkennt, dass sie zu diesem Verhalten konditioniert wurde. Erneut zeigt der Film die potenzielle Realität von Sexarbeiter:innen auf und betrachtet mit einem unerschrockenen Blick der Kamera die möglichen Konsequenzen der Kommodifizierung des eigenen Körpers.
Dies ist jedoch nur eine Lesart des Endes. Eine andere wäre, dass Sexarbeiter:innen schlussendlich doch immer auf ihre Leistung und ihr Sexarbeiter:innen-Dasein reduziert werden. Anstelle von einer eventuell anderen Auflösung, etwa die Schutz- und Trostsuche bei den eigenen Freund:innen wie etwa Lulu, wird Ani wieder in eine Interaktion verstrickt, in der ihr Körper sowie ihr Dasein als Sexarbeiterin an erster Stelle stehen. Somit würde die letzte Einstellung des Films genau das vermitteln, wogegen der restliche Film eigentlich eine Art ‚Counter-Narrative‘ darstellen will.
(Trigger Warnung: Im Film kommt der F-Slur vor.)