Ist dem Strauss-Jahr das „Z-Wort“ Wurst?

„Z-Wort“ im Titel, das Stück selbst dann eine politisch korrekte Strauss-Dekonstruktion. Aber gutes Musiktheater? Das Lied vom Rand der Welt oder Der Z*******baron mit dem singenden Tobias Moretti ist eine seltsame Angelegenheit inklusive Shitstorm von links.

Tobias Moretti in ‘seiner’ Wurstfabrik /// Victoria Nazarova ©

Eine Version dieses Artikels ist zunächst in der ‘Presse’ erschienen.

Das linke und sonst eigentlich akkurate Moment Magazin titelt auf Insta, im Museumsquartier spiele man rassistisches Musiktheater. Das Lied vom Rande der Welt führt im Untertitel tatsächlich das „Z-Wort“, immerhin in Anführungszeichen. Musste das sein? Wollten die Macher*innen einen linken Shitstorm? Dabei tut die Regie genau das, was die Kulturbranche mit ihrem oft problematischen Erbe tun soll: Sie hinterfragt und verarbeitet es kritisch. Roland Schimmelpfennig schrieb ein komplett neues Libretto, ganz ohne „Z-Wort“, im Programmheft wird über den Begriff aufgeklärt. Warum es dann im Untertitel bleiben musste, ist ein Rätsel und nicht in Ordnung.

Rassistisches Musiktheater ist der Abend aber nicht, hier hat das Moment Magazin schlampig gearbeitet und schießt leider ausnahmsweise gegen die Falschen. Beim Untertitel haben sie recht, sie zielen aber auf die ganze Produktion (Update: Das Moment Magazin hat versprochen, die erste Slide zu löschen). Wer auch immer diesen Content erstellt hat (ein*e Autor*in wird nicht vermerkt), hat das Stück offensichtlich nicht gesehen. Das nämlich keine Neuinszenierung der tatsächlich sehr problematischen Strauss-Operette ist, sondern ein komplett neues Werk, das den Finger in die Wunde legt und den Rassismus und die Exostisierung des Originals verarbeitet. Gutes Musiktheater ist diese Inszenierung aber leider trotzdem nicht.

Die dritte Umdeutung des Stoffs

Jókai Mórs Novelle Sáffi ist eine Geschichte über die Ungarn, die sich nach der Revolution von 1848 an die Habsburgerbesatzung anpassen und die, die aus dem Exil zurückkehren. Strauss machte daraus eine exotisierende Story über Sinti*zze und Rom*nja, Geld und Liebe im Osten des Reichs. Das Lied vom Rand der Welt ist eine weitere Umdeutung des gleichen Stoffs. Es spielt in einer sumpfigen, gottverlassenen Gegend statt in Siebenbürgen. Anstatt Sinti*zze und Rom*nja leben dort weiße ‚Normalos‘ (frei nach Nehammer) und ‚The Others‘, die entweder als Metallarbeiter*innen, Kinder der Nacht oder als Nomad*innen bezeichnet werden. Mit ihren Zelten und extrem farbigen Kostümen hat man ihnen dann doch ein paar Sinti*zze-Rom*nja-Klischees verpasst.

Weiße ‘Normalos’ vs bunte ‘Kinder der Nacht’ /// Victoria Nazarova ©

Laut Programmheft soll das neue Libretto von Schimmelpfennig durch diese Generalisierung eine allgemeine Geschichte über Anderssein und Ausgrenzung sein. Graf Homonay wird als schwul umgedeutet, Barinkay ist heimatlos, sie alle leiden unter dem Anpassungsdruck der Mehrheitsgesellschaft. So wichtig das Thema auch ist, an diesem Abend wird es leider nur angekratzt, mit klischeehaften Schablonen in den Raum gestellt. Das liegt unter anderem daran, dass sich die Charaktere in der dritten Person Singular selbst erzählen. All das in einem großen, beleuchteten Rahmen auf einer Drehbühne mit stilisiertem Wald, Metzgerei, Café und Live-Videos.

Diese Brechtsche Brechung geht in die Hose

So eine Brechung brechtscher Art ist bei Musiktheater schon grundsätzlich schwierig, da schon der Gesang eine surreale, die Handlung verlangsamende Brechung ist. Hier wirkte sie hauptsächlich nervtötend; Regisseur Nuran David Calis gelang die schwierige Aufgabe, das Stück politisch korrekt neu zu erzählen und trotzdem mitreißendes Theater zu machen nicht wirklich. Die Inszenierung blieb eine zu sich selbst stets distanzierte, sperrige Parabel.

Etwas Trost lieferten an diesem durchwachsenen Abend drei großartige Schauspieler*innen: Miriam Maertens gab eine spielerische, trashige Mirabella, Samouil Stoyanov spielte ihren verlorenen Ehemann Carnero mit viel Schmackes und etwas zu viel Gebrüll. Tobias Moretti spielt den schmierigen Schweinehändler Zsupán, der sich am Krieg und an der Armut der anderen bereichert sehenswert. Nadelstreifenanzug, Schnöselbrille und Machogehabe: ja. Skrupel: nein. Moretti studierte Anno ein paar Semester Komposition an der MDW, ein Gespür für Musik hat er immer noch. Das homegrown Starlet Miriam Kutrowatz hatte eindeutig die schönste Stimme des Abends, Nadja Mchantafs Sopran ist leider eine sehr nasale Angelegenheit.

Die Stimme des Abends hatte Lokalmatadorin Miriam Kutrowatz /// Victoria Nazarova ©

Das Stück wurde nicht nur auf der Bühne zerlegt, sondern auch im Graben. Dort werkelte die Musicabanda Franui mit Zither, Tuba, Saxophon, Akkordeon, Trompete und ein paar Streichern auf gewohnt hohem Nievau. Wenn mal ein paar Walzer durchschienen, schunkelte das kleine Orchester schön, insgesamt wurde aber eine bunte Mischung zwischen Jazz, Pop, Neuer Musik und Klassik geboten.

Immer noch diese 22 Millionen des Strauss-Jahrs…

Am Ende gab es müden Applaus, das Strauss-Jahr bleibt mit diesem Abend weiterhin unter den Erwartungen. Vielleicht hat das Tanzquartier Wien mit seiner Bearbeitung des gleichen Stücks mehr Erfolg, dort wird ab dem 11. April, ebenfalls von den 22 Millionen des Strauss-Jahrs bezahlt, Romabaron – Kein Z*******baron gegeben.

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