Fake-Friend oder doch bloß gekauft?

In Pfau – Bin ich echt? verhandelt Regisseur Bernhard Wenger die Identitätskrise von Matthias (A. Schuch). Dieser ist kein ‘klassischer’ Fake-Friend, sondern bloß über eine Rent-A-Friend Firma kaufbar.

© Polyfilm

Endlich ein charmantes Date zu einer Veranstaltung mitnehmen, damit einem die Freund:innen anerkennende Blicke zuwerfen? Durch eine doch nicht ganz so spontane Rettungsaktion gut dastehen? Oder einfach nur eine Person zum Streiten wollen? Das alles und mehr ermöglicht Matthias (Albrecht Schuch)! Er arbeitet bei einer Rent-A-Friend Firma und schlüpft daher jeden Tag in andere Rollen, um die Bedürfnisse seiner Klient:innen zu befriedigen. Das einzige Problem dabei? Matthias weiß eigentlich nicht mehr so richtig, wer er selbst, ohne die falschen Identitäten, ist. Und das führt nicht nur bei ihm zu einer existentiellen Krise, sondern bringt auch seine zwischenmenschlichen Beziehungen ins Wanken.

Rent-A-Friend

Firmen, bei denen man sich fake Freund:innen kaufen kann, gibt es wirklich. Diese Rent-A-Friend Firmen kommen ursprünglich aus Japan und dienen zur Vorbeugung der steigenden Einsamkeit in Metropolen. Innerhalb weniger Klicks und mit variierenden Geldsummen kann man sich so etwa ein Lunch-‘Date’ kaufen, oder, wie im Film, einen fiktiven Sohn, der das Familienimage vor den Geschäftspartner:innen etwas aufpoliert. Besonders nach der Isolation der Lockdowns ist dieses Konzept nicht nur in Asien, sondern international populär geworden. Auch in Wien gibt es das Angebot schon. In Person oder virtuell kann man sich eine:n Freund:in buchen. Somit bekommt man entweder die Chance auf persönliche Interaktionen bei einer Aktivität nach Wahl oder einen (Video-)Anruf mit Vorschlägen, was man unternehmen könnte. Diese Dienste werden auch oft im Kontext von Reise-Guides vermarktet, um ‚authentische Erlebnisse’ von ‚Einheimischen’ zu bekommen. Das bei einem Preis von etwa 30 Euro die Stunde.

Was ist denn schon echt?

Die Vermischung aus Realität und Fiktion kann allerdings dazu führen, dass Klient:innen eine emotionale Bindung mit ihrem ‘Fake Friend’ aufbauen. Diese Beziehung bleibt dann meist einseitig, führt zu einem bösen Erwachen und Kummer. Besonders bei weiblich gelesenen Freundinnen kann es zu ungewollten körperlichen Übergriffen kommen, da romantisches Interesse auf die gemietete Person projiziert wird. Oder, wie bei Matthias, können Angehörige der Klient:innen Fragen aufwerfen, die man nicht beantworten kann oder will. Wie Regisseur und Drehbuchautor Bernhard Wenger erzählt, gibt es außerdem die Gefahr, dass bei solchen Firmen arbeitende Personen die eigene Identität nicht mehr von ihren fiktiven Personas unterscheiden können.

Regisseur Bernhard Wenger /// © Polyfilm

Um dieses Dilemma dreht sich Pfau hauptsächlich, da Matthias von seiner Freundin zu Beginn des Films vorgeworfen bekommt, dass er sich nicht mehr ‘echt’ anfühlt. Während die Kund:innen eher in den Hintergrund gestellt werden, wird Matthias der Fokuspunkt. Sind seine Handlungen wirklich die Folgen seiner Entscheidungen oder handelt er nur nach den Bedürfnissen seines Umfelds? Ist seine Meinung die eigene oder ein einstudierter Monolog, um seinem Gegenüber zu imponieren? Kann er sich überhaupt noch sicher sein, dass die Personen in seinem Umfeld nicht ebenfalls ‘undercover’ sind? Matthias versucht diese Fragen für sich und seine psychische Gesundheit zu beantworten. Das Ganze wird zu einem Experiment, um herauszufinden, wie weit sich soziale Normen biegen lassen, bevor sie brechen. Oder ob eben dieser Bruch unter bestimmten Umständen nicht sogar wieder nahtlos in eine fragile soziale Realität eingeordnet werden kann (Stichwort: Schlamm im Prunksaal). 

Alltag On-Screen

Pfau – Bin ich echt? ist Bernhard Wengers Spielfilmdebüt und lässt nicht nur Hauptdarsteller Albrecht Schuch glänzen, sondern bringt auch die komödiantische Satire des Alltags in die Kinosäle. Wie man das aus Wengers Kurzfilmen, beispielsweise Entschuldigung, ich suche den Tischtennisraum und meine Freundin (2018), schon kennt, schafft es der Regisseur Alltagssituationen auf Film zu übertragen. Besonders die Absurditäten, welche man im Alltag oftmals nicht mehr wahrnimmt, werden so hervorgehoben und entlocken einem während des Schauens so einige Schmunzler. Sei es eine unterbrochene Umarmung, ein Poolunglück oder eine Klempnerin vor der Tür, das Comedic Timing schafft es, die deprimierendste existenzielle Krise aufzuheitern. Auch ästhetisch kann sich der Film sehen lassen. Mit erdigen Tönen und schönen Drehorten greift Wenger seine vergangene Inszenierungsästhetik auf und bringt diese in knapp unter zwei Stunden seit dem 20. Februar in die lokalen Kinos.

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