Susan Sontag: „Fascinating Fascism“
Vom Filmklassiker zum TikTok-Trend. Faschismus war nie weg – er hat nur die Plattform gewechselt.
Nie wieder ist genau jetzt
Wie viele andere verfolge ich zurzeit die Nachrichten – und habe Angst. Politische Spannungen sind nichts Neues, doch der Rechtsruck in Europa fühlt sich bedrohlicher an als je zuvor. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass ich lesen muss, wie eine rechte Partei an Einfluss gewinnt, wie milliardenschwere Rechtsextreme sich in die europäische Politik einmischen oder wie neue Telegram-Gruppen mit faschistischem Gedankengut viral gehen. Lange hat mich meine kindliche Naivität vor dieser Realität geschützt, doch im Jahr 2025 kann ich nicht mehr wegsehen. In dem Versuch, mich bewusster mit Faschismus auseinanderzusetzen, habe ich endlich ein Buch gelesen, das schon lange in meinem Regal stand: On Women von Susan Sontag. Besonders das Kapitel Fascinating Fascism hat mich tief bewegt.
Erstmals 1974 in der New York Review of Books veröffentlicht, bietet Fascinating Fascism einen Einblick in Susan Sontags Auseinandersetzungen mit dem Faschismus und dessen Darstellung in Filmen und Büchern. Im Mittelpunkt steht die Arbeit von Leni Riefenstahl, einer deutschen Filmemacherin des 20. Jahrhunderts. Sontag analysiert in ihrem Essay, wie Riefenstahls Filme die deutsche Gesellschaft prägten und welche Rolle deren Ästhetik bei der Verbreitung faschistischer Ideologien spielte. Ein weiterer Schwerpunkt ihres Essays ist das Buch SS Regalia. Sontag diskutiert die Wechselwirkung zwischen faschistischer Ästhetik und der Faszination für Uniformen.
Von Triumph zur Kontroverse: Leni Riefenstahl zwischen Kunst und Propaganda
Leni Riefenstahl, geboren 1902 in Berlin, war eine Regisseurin, Fotografin und Schauspielerin, deren Werke heute als kontrovers gelten. Ihre enge Bekanntschaft mit Adolf Hitler und der NSDAP verlieh ihren Filmen den Ruf, Propagandainstrumente des Dritten Reichs zu sein, da das NS-Regime ihre Filme Triumph des Willens (1935) und Olympia (1938) finanzierte. Historiker*innen zufolge wurden diese Filme genutzt, um Propaganda in eine ästhetische Form zu kleiden und nationalsozialistische Botschaften zu verbreiten. Dennoch bestritt Riefenstahl bis zu ihrem Tod, dass ihre Filme politisch motiviert waren. Vielmehr betrachtete sie ihre Werke als eine künstlerische und ästhetische Manifestation ihrer Kreativität.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Riefenstahl 1945 von den Alliierten verhaftet, da ihr aktive Mitwirkung im NS-Regime vorgeworfen wurde. Im anschließenden Entnazifizierungsverfahren stufte das Gericht sie jedoch als „Mitläuferin“ ein, sie erhielt keine strafrechtlichen Konsequenzen. Die Vorwürfe schadeten jedoch Riefenstahls Ruf und dämpften die Rezensionen zu ihren nachfolgenden Projekten stark. Mit dem Wandel in der Aufnahme ihrer Kunst kam es auch zu einem Wechsel des Mediums. Obwohl Riefenstahl weiterhin Filmemacherin war, widmete sie sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hauptsächlich der Fotografie.
Faschismus mit Weichzeichner – Leni Riefenstahl und die ästhetische Verklärung
Im ersten Teil ihres Essays analysiert Sontag Leni Riefenstahls Werke und deren Verbindung zu Adolf Hitler und dem NS-Regime. Besonderes Augenmerk liegt auf Riefenstahls 1973 veröffentlichtem Fotobuch The Last of the Nuba. Es beinhaltet Bilder des Nuba-Volkes im Sudan und eine begleitende Biografie, welche mit Falschinformationen wirbt, in dem Versuch, Riefenstahls enge Verbindungen zu Hitler und dem NS-Regime herunterzuspielen. Dies erscheint widersprüchlich, da die Fotografien und Texte in The Last of the Nuba scheinbar immer noch die Ideale des NS-Regimes widerspiegeln.
Sontag sieht in Riefenstahls Werk eine Fortsetzung faschistischer Grundideen, auch wenn Riefenstahl selbst darauf besteht, dass ihre Filme lediglich missverstandene Kunstwerke sind. Sontag hingegen erkennt in The Last of the Nuba eine ähnliche propagandistische Inszenierung, da Werte wie Stärke, Schönheit und Ordnung erneut idealisiert werden. Sie kritisiert Riefenstahls erfolgreichen Versuch, sich als unpolitische Künstlerin zu inszenieren, und sieht darin ein größeres gesellschaftliches Problem: die anhaltende Faszination für faschistische Ästhetik. Laut Sontag konnte Riefenstahl sich rehabilitieren, weil viele Menschen noch immer von faschistischen Idealen fasziniert sind – Faschismus wird ästhetisch inszeniert und Sehnsüchte werden geweckt.
SS-Style: Wenn Faschismus zum Fashion-Statement wird
Sontag stellt eine Verbindung zwischen der Fotografie von Uniformen und sexuellen Fantasien her. Diese Fantasien wurden, wie sie behauptet, von der SS bewusst ausgenutzt. Faschismus war nicht nur eine politische Ideologie, sondern auch eine Ästhetik, welche die Uniformen perfekt verkörperten, da sie Macht, Disziplin, Autorität und Verführung visuell machten. Diese Darstellung und Selbstinszenierung kamen nicht von ungefähr. Laut Sontag war dies eine Propagandastrategie, da die Gewalt, die das Regime ausübte, nicht nur legitimiert, sondern auch verherrlicht wurde. Es ist eine Kontinuität der Visualisierung der faschistischen Werte, welche wir bereits in Propagandafilmen gesehen haben. Sontag beobachtet aber auch eine aktuelle, gefährliche Entwicklung: Die ästhetischen und visuellen Elemente des Faschismus wurden so weit sexualisiert, dass heute noch Menschen von der bloßen Ästhetik angezogen werden, unabhängig davon, ob sie mit den Ideologien übereinstimmen. Dies reflektiert sich in der Fetischszene und in Popkultur wieder und birgt die Gefahr der Verharmlosung und der Romantisierung des Faschismus.
Fascho-Ästhetik 2.0: Wie Podcasts und Memes den Rechtsruck pushen
Als junge Deutsche kann ich es nicht umgehen, Parallelen zwischen Susan Sontags Essay Fascinating Fascism und unserer heutigen politischen Landschaft zu ziehen. Die Ästhetisierung des Faschismus ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern findet auch heute statt – wenn auch in neuen Formen. Es scheint aber einen Wandel im Medium gegeben zu haben: Während früher Bilder und Filme dominierend waren, breitet sich faschistisches Gedankengut heutzutage zunehmend über soziale Medien und Podcasts aus, was nicht nur schnell zu produzieren, sondern auch zu verbreiten ist. Wir leben in einem Zeitalter in den Parteien auf Wahlplakaten mit heimatlichen und traditionellen Werten werben können, aber damit ganz klar meinen, dass Ausländer*innen keinen Platz in diesem Land haben. Wir leben auch in einem Zeitalter, in dem Männer, die öffentlich den Hitlergruß machen, Podcasts aufnehmen und eine rechtsextreme Partei bewerben können. Diese Plattformen sind besonders attraktiv für ein jüngeres Publikum, da der Faschismus hier als modern und ansprechend inszeniert wird. Erstwähler*innen nutzen immer mehr die sozialen Medien, um sich politisch zu informieren.
Die Wahlprognosen zeigen, dass diese Strategie aufgeht. Der Rechtsruck in Deutschland ist nicht mehr zu übersehen, geschweige denn zu ignorieren. Faschistische Werte wurden geschickt als erstrebenswert verkauft, und das idealisierte Bild der traditionellen deutschen Familie erlebt eine Renaissance. Wir sehen, wie sich Geschichte wiederholt, und schauen gekonnt weg. Veränderung kommt nur durch aktive Resistenz: Die nächste Bundestagswahl in Deutschland steht vor der Tür, nutzt euer Wahlrecht!