Queeres Musiktheater at its best
Polizistenfleisch zum Dinner und ein Thelma-&-Louise-Moment: Die Neue Oper Wien feiert mit der zeitgenössischen Opernsatire Cachafaz einen Bombenerfolg, auch dank dem jungen Regisseur Benedikt Arnold.
Queere Slumromanze zum Heulen /// Armin Bardel, NOW ©
Dieser Artikel ist zunächst in der ‘Presse’ erschienen.
Es riecht toxisch nach Plastik: Die Bühne ist mit schwarzer Folie bedeckt. Im Gegensatz zum peinlichen Schimmelzwischenfall in der Staatsoper ist das aber ein willkommener olfaktorischer Effekt, wodurch die elende Misere des Slums, in dem der Kleinganove Cachafaz (Andreas Jaknowitsch) mit seiner transgender Partnerperson Raulito (Felix Heuser) lebt, noch stärker zu Geltung kommt. Und es kommt eine düstere Vorahnung auf: Hat jemand die Folie ausgerollt, um einen Mord zu begehen?
Cachafaz hat eine Wurst gestohlen, ein Polizist möchte deswegen die Wohnung durchsuchen. Seine Uniform kann er kaum zuknöpfen, weil er darunter etliche Meter an Wurst trägt. Copis ‚Tragédie barbare‘ ist eine absurde Satire, die Regisseur Benedikt Arnold virtuos und ebenso absurd auf die Bühne bringt. Die Vorahnung bewahrheitet sich, Cachafaz bringt den Polizisten um.
“Unsere Kinder haben Würmer”
Copi ist wie ein verbitterter Dickens aus dem 20. Jahrhundert, seine groteske Milieustudie zeigt, wie das Elend im Slum den homophoben Hass auf das queere Paar katalysiert. Der vom Regisseur großartig choreografierte und spielende Wiener Kammerchor verkörpert die Slumbewohner*innen. Die Frauen beklagen kühl und chromatisch: „Unsere Kinder haben Würmer und haben seit Tagen nichts gegessen.“ Sie wollen Cachafaz am liebsten auf eine Ratteninsel verbannen. Die Männer verteidigen ihn aber, er hätte mit dem Mord seine Ehre reingewaschen. Raulito schlägt begeistert vor, den Polizisten gemeinsam zu verspeisen. Die Frauen wollen keinen Bullen essen, erst später fällt ihnen ein, dass Kannibalismus eine Sünde sei... Doch Cachafaz bringt mit einer Rede den Slum gegen die Reichen und Mächtigen auf, sie verschlingen bei einem rauschenden Fest den Polizisten.
Die homophoben Frauen aus dem Slum /// Armin Bardel, NOW ©
Der zweite Akt beginnt mit einer Transkription von Verdis Ouvertüre zu La forza del destino. Von der Decke hängen pinke ungeheuer, es sind laute Polizistenleichen. Im Conventillo wird die Verlobung des queeren Paares gefeiert, dazu gibt es Zitate aus Mozarts Figaro. Die Plastikfolie wird weggerissen, der Berg ist aus dem gleichen pinken Kissenmaterial, wie die ‚Leichen‘, als basiere die ganze Existenz des Slums auf totem Fleisch.
Komponist Oscar Strasnoy greift öfter auf Tangomusik zurück, verschmilzt sie und die Klassikzitate gekonnt mit rhythmisch-dissonanter Neuen Musik. Cachafaz ist eigentlich ein Künstler, der Tangos schreibt. Begleitet von einer akustischen Gitarre singt er davon, eine Moral zu haben, macht aber doch ein Business daraus, Polizisten zu töten und ihr Fleisch im Slum zu verkaufen. Das läuft so gut, dass sie genug Geld hätten, nach Buenos Aires zu ziehen, um für den Tango zu leben, Raulito möchte aber bleiben. Cachafaz wird vom Slum mit einer Neufassung von Leporellos Registerarie gefeiert. Statt Don Giovannis Liebschaften zählen sie die Dutzenden von getöteten Polizisten auf.
Leichen, die sprechen und ein Fluch
Cachafaz bringt aus Versehen auch Raulitos Onkel um, der sie bisher als Kommissar geschützt hatte. Plötzlich bewegen sich die Leichen, es erscheinen Geister, die die beiden Protagonisten verfluchen. Die Parallelen zu Don Giovanni werden immer dichter: Wie bei Mozart dreht es sich auch bei Strasnoy vieles um Sex, tatsächlich kommt es aber nie dazu, zudem sind beide Werke Tragikomödien. Auch Cachafaz verhandelt furchtlos mit Geistern, er ist bereit, sich umzubringen, wenn Raulito und die restlichen Slum-Bewohner*innen verschont werden. Da Raulito aber transsexuell und somit weder Mann noch Frau ist, können die Geister ihn nicht beschützen und ziehen ab. Die Polizei stürmt das Conventillo und verletzt Cachafaz tödlich. Raulito bittet ihn, ihn auch umzubringen, die Hölle könne nicht schlimmer sein als das Leben im Conventillo. Sie tanzen einen letzten Tango und verlassen den Slum gemeinsam gen Jenseits. In der Dunkelheit schimmert zum Schluss nur noch eine Hammond-Orgel leise, es ist ein bittersüßer Thelma-&-Louise-Moment, der bis ins Mark erschüttert.
Cachafaz ist eine geniale, bissige Satire: Urkomisch und bizarr, aber auch treffend und bewegend. So überwältigend kann modernes Musiktheater sein, wenn es denn eine Chance bekommt. Die Festwochen haben dieses Jahr das erste Mal seit Jahren keine Oper im Programm. Hätte Milo Rau diese Produktion gesehen, wäre es vielleicht anders gekommen; Sie ist musikalisch dank Walter Kobéra, dem Orchesterchen und den beiden groß aufspielenden Sängern ein Hit, und szenisch auch ein ganz großer Wurf. Kobéra wurde auf den jungen Regisseur bei einer MDW-Produktion aufmerksam, „Cachafaz“ ist nach „Madame Butterfly“ in Freiburg erst seine zweite professionelle Inszenierung. Mit diesem Volltreffer hat sich Benedikt Arnold unter die aufregendsten jungen Regisseure katapultiert. Hoffentlich bekommt der MDW-Absolvent bald seine nächste Chance von einem der großen Wiener Häuser.
Nächste Termine: 18., 20., und 22. März, jeweils 10.30, die gesamte Oper ist auf YouTube hochgeladen.